Persönliche Gedanken zum Verfahren von Georg Hinz
Wenn man kölsche Musik sehr gerne mag, tut es einem in der Seele weh, dass man gute Lieder anderen guten Liedern „vorziehen“ muss, von denen es viele ebenso verdient hätten, vorgestellt zu werden. Dieses „Problem“ ist in den letzten 10 bis 12 Jahren immer größer geworden: Die Qualitätsdichte sowie die Anzahl guter Produktionen und konkurrenzfähiger Lieder nehmen kontinuierlich zu. (Mit dem Pfeil rechts geht es weiter.)
Aufgrund dieser „Not“ – der riesigen Zahl guter Karnevalslieder – haben wir unser Auswahlverfahren immer wieder angepasst, wohl wissend, dass man niemals ein zu 100 % adäquates, geschweige denn absolut faires Ergebnis erzielen kann. Es ist jedoch ein Weg, der uns in den vergangenen Jahren geholfen hat, Entscheidungen zu treffen.
Im Laufe des Jahres sammeln wir die kölschen Lieder sowie die Veröffentlichungen der Kölner Bands und Interpret*innen, die seit der letzten Session erschienen sind. Die Liederliste umfasste dieses Mal etwa 380 Titel. Ein großer Teil davon wird erst kurz vor dem Sessionsauftakt am 11.11. veröffentlicht. Im Verein sind es bis zu 14 Menschen, die diese Lieder hören und versuchen einzuschätzen, ob sie für das Format „Kneipenkarneval à la Loss mer singe“ besonders gut geeignet sind und zu kölschen Hits für dieses Publikum werden könnten.
Diese LMS-Menschen der Jury tragen bei der Entscheidungsfindung vieles im Herzen und im Kopf – im Grunde zu viel, um die vielfältigen Kriterien immer alle gleichermaßen umsetzen zu können. Hier ein Auszug:
Welche Lieder werden die Hits der Session für das LMS-Publikum? Welche könnten im Kneipenkarneval besonders gut funktionieren und ein intensives, schönes Miteinander und Feiern prägen? Natürlich unterliegen diese Einschätzungen einem Entwicklungsprozess der Hörgewohnheiten – Geschmack ist nicht zeitlos. Einige Bands prägen diese Hörgewohnheiten über kürzere, häufig aber auch längere Zeit und setzen Maßstäbe für besonders erfolgreiche Musik, auch im Kneipenkarneval. Das fließt bei der Suche selbstverständlich mit ein.
Wir bevorzugen Lieder op Kölsch, ohne dass dies ein echtes Muss-Kriterium ist. Es gibt viele Beispiele von Kölner Bands oder InterpretInnen mit Liedern auf hochdeutsch, die hervorragend im kölschen und rheinischen Karneval aufgehoben waren und sind.
Es gibt das Bemühen, eine Vielfalt musikalischer Genres darzustellen, gerne auch mit traditionellen Tönen. Wir freuen uns sehr über besondere Lieder, die in Machart und Botschaft wertvoll und Werte vermittelnd sind und gleichzeitig den Härtetest in der vollen Kneipe bestehen können. Das ist bei manchen „Perlen för Hätz un Siel“ leider nicht immer gegeben.
Wir lieben gute Lieder, die Leichtigkeit ausstrahlen, originell sind, Witz haben und zum Abschalten und Auftanken geeignet sind, weil wir sie gemeinsam mit einem wohltuenden Gemeinschaftsgefühl singen und feiern können – erleben aber auch, dass dies sehr unterschiedlich empfunden wird. Wir wollen Nachwuchsbands eine Chance geben und freuen uns über die zunehmende Zahl weiblicher Stimmen in der Karnevalsmusik. Wir spüren einen Unterschied zwischen Ballermann und kölschem Karneval, auch wenn wir wissen, dass die Übergänge manchmal fließend sind und sich verändern.
Aus Erfahrung bedenken wir zudem, dass manche Lieder stark polarisieren: Es gibt Menschen, die sie lieben, und andere, die bestimmte Musikstile oder Genres vehement ablehnen. Diesen Liedern tun wir meist keinen Gefallen, wenn wir sie Abend für Abend negativen Reaktionen aussetzen – manches passt einfach nicht so gut in diesen gewachsenen Rahmen.
Mit all diesen Gedanken entsteht nach einer ersten Abstimmung im „Team der Vorhörenden“ eine sogenannte Vorauswahl. Ziel ist es, die Lieder einem „Leedercheck“ zuzuführen, denn alle Kriterien nützen nichts, wenn die Lieder in der Kneipensituation nicht angenommen werden. Sie müssen also „funktionieren“, wie alt eingesessene Karnevalsprofis sagen würden – einfach so: ohne anwesende Interpret*innen, nur die Produktion, die Menschen vor Ort und ein Refrainzettel.
Und selbst diese Vorauswahl lässt mittlerweile schon sehr viele ebenfalls gute Lieder liegen. In diesem Jahr kam erschwerend hinzu, dass fast alle etablierten Interpret*innen und Bands mindestens zwei Lieder für den Fastelovend produziert hatten. Wir haben dann versucht, in der Kürze der Zeit herauszufinden, welches Lied jeweils das „nach vorne gestellte“ sein könnte, um nicht alle Zweit-Lieder testen zu müssen.
Mit der entstandenen 42er-Auswahl haben wir drei Testveranstaltungen mit insgesamt knapp 500 Fans der kölschen Musik durchgeführt – in drei Kneipen, mit Textzetteln und einer kurzen, wohlwollend-animierenden Moderation zu jedem Lied. Am Ende haben wir die Menschen gebeten, sich für 20 Lieder zu entscheiden.
Der Eindruck, die Beobachtung der Stimmung, das Gefühl des Abends und das Ergebnis der Abstimmung sind für uns die wichtigste Orientierung und führen im letzten Schritt zur Entscheidung der Loss-mer-singe-Auswahl. Immer geht dies mit der Erkenntnis einher, dass es einen großen Unterschied macht, ob man ein Lied mit der performenden Band in einem Raum, zu Hause am Kopfhörer, im kleinen Kreis, im Fernsehen oder in einer vollen Kneipe mit Textzettel zur Unterstützung des gemeinsamen Singens erlebt.
Natürlich ist es unser Anliegen, einen tollen Abend mit den vielen Menschen in den Kneipen zu erleben. Das steht immer über dem Wettbewerb der Lieder, der damit seit Jahr und Tag verbunden ist. Das Publikum möge alle Lieder feiern und vor allem textsicher mitsingen können. Man feiert Fastelovend einfach schöner und intensiver, wenn man die Lieder mitsingen kann – das ist die Triebfeder des Loss-mer-singe-Formats „Einsingen in den Karneval“.
Bei den Tests erleben wir, wie geeignet die Lieder unter diesen Rahmenbedingungen sind – und welche, manchmal überraschend, nicht bestehen. Mitunter sehen wir auch Lieder, die einen ganz besonderen Moment erzeugen, sodass wir sie uns zusätzlich leisten wollen, ja fast „müssen“, auch wenn wir mittlerweile versuchen, nur ein Lied pro Interpret*in oder Band abzubilden. Wie so mancher Lateinlehrer sagte: „Die Ausnahme bestätigt die Regel.“
So kam es auch dazu, dass wir im Jubiläumsjahr mit 22 Liedern auf Tour gegangen sind und dies für dieses Mal wieder so entschieden haben.
Die Abstimmungen bei den Leederchecks liefern jedoch auch ein durchaus schmerzliches Ergebnis: sich von dem ein oder anderen wirklich gut funktionierenden Lied zu verabschieden und es nicht mitzunehmen. Das ist nicht schön. Einige dieser Lieder versuchen wir im Vor- oder Rahmenprogramm unterzubringen – na klar, das ist ein schwacher Trost für alle, die sich berechtigt Hoffnung gemacht haben, aber eine kleine Wertschätzung für die Lieder, die es vielleicht auch verdient gehabt hätten.
So gestaltet sich unsere aufwendige Auswahlfindung für das „Einsingen in den Karneval“: ein langer und durchaus intensiver Prozess zwischen Mitte Oktober und Weihnachten. Und nun geht es wieder los. Aufregung und Vorfreude. Die Tour startet heute … Wie toll ist das, in den nächsten Wochen mit so vielen Menschen großartige Abende zu haben.
Wir grüßen alle Macher*innen der kölschen Musik und sind dankbar für ihr Schaffen. Es ist ein Geschenk, in dieser Kultur zu Hause sein zu dürfen. Wir freuen uns auf die Session mit allen, die dabei sein mögen – auf gemeinsames Singen und ausgelassenes Feiern, das uns in dieser nicht einfachen Zeit eine wohltuende Auszeit schenkt und Kraft für den Alltag gibt.
Wir – Loss mer singe – fühlen uns einem friedlichen Miteinander in unserer Gesellschaft verpflichtet. Das „Wir“, das beim gemeinsamen Singen und Feiern entsteht, verstehen wir als Kraft, die wir in den Alltag mitnehmen können, um im positiven Sinne an Zusammenhalt in einer heterogenen, vielfältigen Gesellschaft mitzuwirken. Humor, Leichtigkeit und das Leben im Moment können unser aller Leben bereichern: Liebe, Akzeptanz und Toleranz statt Hass und Ausgrenzung.
Auf ein gutes Jahr 2026 und ne tolle Session – ein herzliches Alaaf vom Loss-mer-singe-Team!
Georg Hinz, 7.1.2026
Hier findet ihr alle Informationen zur Bunt und Jeck Tour 2026.
Viel Spaß beim Stöbern und Planen.